Zwischen Revolution und Rekonstitution: Unterschied zwischen den Versionen
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Das vorliegende Buch ist das Ergebnis einer über zwei Jahrzehnte andauernden Forschung über nationalsozialistische Kameradschaften und fragt danach, welche Einfluss die 1936 verbotenen Studentenverbindungen auf die Einrichtung dieser Kameradschaften sowie deren Entwicklung zwischen 1937 und 1945 hatten. | |||
Zur Einordnung des Buches muss ich ein paar einleitende Worte zu Studentenverbindungen schreiben: An den Berliner Hoch- und höheren Schulen gab es um 1930 mehrere Hundert Studentenverbindungen und Studentenvereine. Von elitären Corps über politische Burschenschaften bis hin zu Gemeinschaften, die sich auf Sport, Religion oder eine spezielle Wissenschaft fokussierten. Um einen besseren Überblick über das breite Spektrum an studentischen Zusammenschlüssen in Berlin zu erhalten, empfehle ich das Werk von Helmut Kersten: Berliner Verbindungswesen – Eine tabellarische Darstellung von 1897 bis heute. Alle diese Zusammenschlüsse hatten eine Gemeinsamkeit, sie bestanden aus einer Aktivitas (= Studenten) und einer Altherrenschaft (= ehemalige Studenten), viele von ihnen besaßen eigene Häuser als Lebensmittelpunkt. Auch hier erlaube ich mir eine Literaturempfehlung des Studenten-Historikers Christian Delhey: Die Englische Straße in Charlottenburg und ihre Korporationen 1897 bis 1943. | |||
Zurück zum Buch: In der Einleitung beschreibt der Autor, wie der NS-Staat und speziell die Reichsstudentenführung diese „reaktionäre studentische Tradition“ erst radikal bekämpfte, dann versuchte zu integrieren und sie letztendlich nicht mehr durchgängig und konsequent von den alten Traditionen fernzuhalten vermochte. Diese Erkenntnis leitet der Autor aus einem immensen Quellenstudium ab. Für den Bereich Berlin konnte er fast 100 Verbindungen mit Kameradschaften in Verbindung bringen. Viele von diesen Verbindungen gibt es heute nicht mehr und wenn es sie noch gibt, ist die Quellenlage konfus. Fast sämtliche Informationen liegen in (größtenteils nicht erschlossenen) Privatarchiven. Um so erstaunlicher ist es, dass er für jede Altherrenschaft, auf deren Verbindungshaus die jeweilige NS-Kameradschaft aufgebaut wurde, Informationen gewinnen konnte. | |||
Gegliedert ist das Buch in die Struktur der Reichsstudentenführung, d.h. in die Bereiche Berlin und Ostland. Jeder Bereich gliederte sich in Gaue, wobei jede der 17 (!) Berliner Institutionen (von der Friedrich-Wilhelms-Universität mit 31 Kameradschaften bis zur Höheren Reichswerbeschule mit einer Kameradschaft) individuell betrachtet wird. Jede Institution wird mit einem historischen Abriss zur Zeit des Nationalsozialismus eingeleitet, anschließend folgen die einzelnen Kameradschaften. | |||
Der Autor konnte nachweisen, dass, im Gegensatz zur weitläufigen Meinung, die Studentenverbindungen in vielen Fällen den Aufbau einer NS-Kameradschaft nutzen konnten, um die alten Traditionen wieder zu reaktivieren. Sogar das Tragen von Couleur (Band um die Brust) und das Fechten von Mensuren ist bis weit in die 40er-Kriegsjahre nachweisbar. In Anbetracht, dass beides seitens des NS-Staates absolut verboten war, spricht der Autor sogar von „akademischem Widerstad studentischer Verbindungen“. Die Eingangsfrage kann jedoch nicht pauschal für alle Kameradschaften beantwortet werden, zu unterschiedlich waren diese aufgestellt und zu groß ist die Abhängigkeit von (noch unbekannten) Persönlichkeiten. Nicht selten konnten einflussreiche Mitglieder die Geschehnisse auf den Verbindungshäusern verdecken oder Strafmaßnahmen abwenden. | |||
Für alle Vereinsmitglieder, die sich für Universitätsgeschichte oder NS-Geschichte abseits der „großen Themen“ interessieren, ist das vorliegende Buch eine Pflichtlektüre. | |||
Aktuelle Version vom 29. März 2026, 18:41 Uhr
Bernhard Grün: Zwischen Revolution und Rekonstitution. Die Kameradschaften des NSD-Studentenbundes und Altherrenschaften im NS-Altherrenbund an den deutschen Hoch- und höheren Fachschulen 1937 bis 1945.
Band 4
- Teilband 4/I: Bereich Berlin; Teilband 4/II: Bereich Ostland (= Schriften des Instituts für Deutsche Studentengeschichte im Auftrag der GDS, hrsg. v. Friedhelm Golücke/Wilhelm Grabe/Matthias Asche, Bd. 4), Marl 2024, 633 Seiten.
Rezension für den Verein für die Geschichte Berlins
Das vorliegende Buch ist das Ergebnis einer über zwei Jahrzehnte andauernden Forschung über nationalsozialistische Kameradschaften und fragt danach, welche Einfluss die 1936 verbotenen Studentenverbindungen auf die Einrichtung dieser Kameradschaften sowie deren Entwicklung zwischen 1937 und 1945 hatten.
Zur Einordnung des Buches muss ich ein paar einleitende Worte zu Studentenverbindungen schreiben: An den Berliner Hoch- und höheren Schulen gab es um 1930 mehrere Hundert Studentenverbindungen und Studentenvereine. Von elitären Corps über politische Burschenschaften bis hin zu Gemeinschaften, die sich auf Sport, Religion oder eine spezielle Wissenschaft fokussierten. Um einen besseren Überblick über das breite Spektrum an studentischen Zusammenschlüssen in Berlin zu erhalten, empfehle ich das Werk von Helmut Kersten: Berliner Verbindungswesen – Eine tabellarische Darstellung von 1897 bis heute. Alle diese Zusammenschlüsse hatten eine Gemeinsamkeit, sie bestanden aus einer Aktivitas (= Studenten) und einer Altherrenschaft (= ehemalige Studenten), viele von ihnen besaßen eigene Häuser als Lebensmittelpunkt. Auch hier erlaube ich mir eine Literaturempfehlung des Studenten-Historikers Christian Delhey: Die Englische Straße in Charlottenburg und ihre Korporationen 1897 bis 1943.
Zurück zum Buch: In der Einleitung beschreibt der Autor, wie der NS-Staat und speziell die Reichsstudentenführung diese „reaktionäre studentische Tradition“ erst radikal bekämpfte, dann versuchte zu integrieren und sie letztendlich nicht mehr durchgängig und konsequent von den alten Traditionen fernzuhalten vermochte. Diese Erkenntnis leitet der Autor aus einem immensen Quellenstudium ab. Für den Bereich Berlin konnte er fast 100 Verbindungen mit Kameradschaften in Verbindung bringen. Viele von diesen Verbindungen gibt es heute nicht mehr und wenn es sie noch gibt, ist die Quellenlage konfus. Fast sämtliche Informationen liegen in (größtenteils nicht erschlossenen) Privatarchiven. Um so erstaunlicher ist es, dass er für jede Altherrenschaft, auf deren Verbindungshaus die jeweilige NS-Kameradschaft aufgebaut wurde, Informationen gewinnen konnte. Gegliedert ist das Buch in die Struktur der Reichsstudentenführung, d.h. in die Bereiche Berlin und Ostland. Jeder Bereich gliederte sich in Gaue, wobei jede der 17 (!) Berliner Institutionen (von der Friedrich-Wilhelms-Universität mit 31 Kameradschaften bis zur Höheren Reichswerbeschule mit einer Kameradschaft) individuell betrachtet wird. Jede Institution wird mit einem historischen Abriss zur Zeit des Nationalsozialismus eingeleitet, anschließend folgen die einzelnen Kameradschaften.
Der Autor konnte nachweisen, dass, im Gegensatz zur weitläufigen Meinung, die Studentenverbindungen in vielen Fällen den Aufbau einer NS-Kameradschaft nutzen konnten, um die alten Traditionen wieder zu reaktivieren. Sogar das Tragen von Couleur (Band um die Brust) und das Fechten von Mensuren ist bis weit in die 40er-Kriegsjahre nachweisbar. In Anbetracht, dass beides seitens des NS-Staates absolut verboten war, spricht der Autor sogar von „akademischem Widerstad studentischer Verbindungen“. Die Eingangsfrage kann jedoch nicht pauschal für alle Kameradschaften beantwortet werden, zu unterschiedlich waren diese aufgestellt und zu groß ist die Abhängigkeit von (noch unbekannten) Persönlichkeiten. Nicht selten konnten einflussreiche Mitglieder die Geschehnisse auf den Verbindungshäusern verdecken oder Strafmaßnahmen abwenden.
Für alle Vereinsmitglieder, die sich für Universitätsgeschichte oder NS-Geschichte abseits der „großen Themen“ interessieren, ist das vorliegende Buch eine Pflichtlektüre.
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